In manchen Städten sind Straßennamen bloßer Schmuck. In Galata sind sie dagegen oft eine Berufsbezeichnung, ein Grenzvermerk oder die Erinnerung an eine Institution. Wer beim Spaziergang durch das Viertel die Schilder liest, nimmt kostenlos an einer Geschichtsstunde teil. Hier ist ein kleines Glossar.
Tımarcı-Straße. Ihren Namen verdankt sie den Pferden der ersten Pferdestraßenbahnlinie der Türkei, die 1871 rund 150 Meter entfernt ihren Betrieb aufnahm: Hier wurden die Pferde, die die Wagen zogen, gestriegelt und versorgt. Der frühere Straßenname war Cerrahpaşa.
Otçu-Straße. Eine Erinnerung an die Zeit, als dieselben Pferde hier weideten und ihr Futter zubereitet wurde. Tımarcı und Otçu liegen nebeneinander – die Kulissen eines öffentlichen Verkehrssystems, zusammengefasst in zwei Straßen.
Yazıcı-Straße. Der frühere Name der heutigen Serdar-ı-Ekrem-Allee. Im 19. Jahrhundert befanden sich hier lithografische Druckereien, also Werkstätten für den Steindruck; die Straße erhielt ihren Namen von der Schrift.
Serdar-ı-Ekrem-Allee. Ihr neuerer Name geht auf einen militärischen Titel zurück: den Oberbefehlshaber der osmanischen Armee. Träger des Titels war Ömer Lütfi Lattas Paşa, Befehlshaber im Krimkrieg.
İlk-Belediye-Allee. An dieser Allee wurde die erste moderne Gemeinde der Türkei gegründet – die nach dem sechsten Arrondissement von Paris inspirierte Institution namens „Altıncı Daire-i Belediye“. Der Straßenname ist ganz unmittelbar eine institutionelle Geburtsurkunde.
Karanfil-Straße. Der frühere Name der İlk-Belediye-Allee; die Zwillingsgebäude von Bağdatlıyan entstanden zwischen 1895 und 1905 an der damals so genannten Straße.
Büyük Hendek, Küçük Hendek, Lüleci Hendek. Diese drei Namen stammen von den Gräben der genuesischen Stadtmauern, die Galata einst umgaben. Die Mauern wurden abgetragen, die Gräben aufgefüllt; die Namen blieben.
Yanıkkapı-Straße. Hier steht das letzte erhaltene Tor der Galata-Stadtmauern – mit einer Inschrift aus dem 14. Jahrhundert und den Wappen zweier Adelsfamilien. Auch unser Markenname geht auf diesen Stein zurück.
Portakal-Straße. Ihr Name geht nicht auf die Frucht, sondern auf Menschen zurück: Hier lebten portugiesische Juden, die als „Portakal“ bekannt waren. Galatas kosmopolitisches Gedächtnis verbirgt sich mitunter im Namen einer Frucht.
Marangoz-Straße. Ihr Name ist seit osmanischer Zeit unverändert geblieben; auf Karten von 1906 sind hier Tischlereien und Polsterer verzeichnet. Das Handwerk verschwand, der Name blieb.
Namen lesen lernen
Ein Viertel wirklich kennenzulernen heißt, die Arbeiten zu kennen, die dort einst verrichtet wurden. Galatas Schilder erzählen von einer Stadt der Pferde, Drucker, Tischler und Mauern. Halten Sie bei Ihrem nächsten Spaziergang inne und lesen Sie: Jedes Schild ist der Titel einer sechzeiligen Geschichte.
Quellen: „Barnathan Apartmanları“ (Çiğdem Oğuz, Nar Yatırım, 2016); Markenarchiv von Meroddi.



